„Demokratie ist überschätzt!“

cu87pmtwcaabblu-1Als Zitat von Frank Underwood, dem Präsidenten aus der US-Serie „House of Cards“ ist dieser Satz unerhört, das dahinterstehende Weltbild kaum mit unseren westlichen Werten in Einklang zu bringen. Und doch: was gestern noch als reine Fiktion schien, ist heute schon politische Realität.

„Rigged elections“, manipulierte Wahlen: Das ist sein Schlachtruf, der nun immer lauter wird. „Wir wollen nicht, dass uns diese Wahlen gestohlen werden“, rief Trump am Montag in Pennsylvania.

Angesichts einer drohenden Wahlniederlage baut Donald Trump schon einmal vor und spricht davon, dass die US-Präsidentschaftswahlen im November 2016 manipuliert würden, dass er eigentlich nur verlieren könne. Führende Republikaner*innen, natürlich Demokrat*innen, Jurist*innen und Prominente widersprachen emotional und mit Argumenten, historisch und aphoristisch:

Tatsächlich wurde und wird in den USA immer wieder versucht, Wahlen zu manipulieren. Insbesondere das Wahlergebnis von 2000, als George W. Bush zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, soll entscheidend verfälscht worden sein. Greg Palast, der sich seit vielen Jahren mit Wahlbetrug beschäftigt (im Juli 2016 erschien sein Buch: ‚Gern geschehen, Mr. President! Wie man die US-Wahl manipuliert in 10 einfachen Schritten‚) kommt zu dem Schluss, dass beide großen Parteien tricksen, die Republikaner aber mehr davon profitieren: „Die Vereinigten Staaten belehren die restliche Welt gern über Demokratie, wir haben aber keinerlei Wahlstandards, die mit Europa vergleichbar wären. Dem politischen Gegner die Stimmen abzujagen, und  sei es auf betrügerische Art und Weise, sehen viele als Kavaliersdelikt. Mehr wie einen Sport.“

War Donald Trumps Vorgehen vorhersehbar? Er bewegt sich mit seinen vorauseilenden Anschuldigungen ja keineswegs außerhalb des Vorstellbaren, da er ein gängiges Thema US-amerikanischer Fernsehserien aufgreift. Nicht nur die ersten beiden Staffeln von ‚Scandal‘ sind durchzogen vom Wahlbetrug (trotzdem kommt Fitzgerald ‚Fitz‘ Grant bei einer Umfrage nach der Beliebtheit fiktiver US-Präsidenten auf einen Zustimmungswert von 60%!), auch in der Justizserie ‚Good Wife‘ wird das Thema Wahlbetrug in vielen Szenen gezeigt, die in ihrer Bildästhetik an Aufnahmen von Überwachungskameras erinnern, also authentisch wirken sollen.

Die Quellenamnesie kann dazu führen und führt in vielen Fällen dazu, dass wir uns in der Erinnerung nicht mehr sicher sind, woher nun diese Bilder stammen, die wir doch mit eigenen Augen gesehen haben: Realität oder Fiktion? Nachrichtensendung oder TV-Serie?

Über Aristotelische Erzählstrukturen und ihren Einfluss auf unser Denken

Die Grundlage aller Hollywood-Drehbücher liegt in Aristoteles‘ Poetik. Er hat die erfolgreichsten Theaterstücke seiner Zeit analysiert und daraus seine Regeln formuliert, die wir seither in fast allen denkbaren Erzählungen befolgen, und die in Hollywood perfektioniert wurden:

  • Jede Geschichte braucht einen Konflikt.
  • Sie braucht einen Protagonisten (einen, der die Welt retten muss)
  • einen Antagonisten (einen, der ihn daran hindert)
  • und eine Fallhöhe (den drohenden Weltuntergang)

Vieles von dem, was Donald Trump in den vergangenen Tagen verlauten ließ, scheint direkt einem Hollywood-Drehbuch entliehen:

Dies ist ein Kampf ums Überleben unserer Nation„, ruft er. „Und dies wird unsere allerletzte Chance sein, sie zu retten.“ Damit ruft er seine Anhänger zum Krieg auf. […] „Dies ist ein Scheideweg in der Geschichte unserer Zivilisation.“

Nicht nur das Überleben der US-amerikanischen Nation steht laut Trump auf dem Spiel, sondern gleich die gesamte (westliche, weiße) Zivilisation. Es sei die allerletzte Chance, beide zu retten, und natürlich ist nur einer dieser Aufgabe gewachsen, Trump, Donald Trump, wer sonst. Die Welt ist in Gefahr, die Fallhöhe ins Unermessliche überhöht und der Wahlbetrug als Notausgang vorbereitet. Das ist Hollywood vom Feinsten, dort wurden solche Szenarien wieder und wieder durchgespielt, in der Fiktion, gewiss, und trotzdem haben wir diese Muster so sehr verinnerlicht, dass es vollkommen plausibel erscheint: Wie viel Faschismus – oder moderater formuliert: wie viel Populismus steckt in der Hollywood-Erzählung? Und sind Donald Trump, AfD und Front National die direkten, erwartbaren Folgen, dass wir Abend für Abend mit derart undemokratischen Filmen berieselt werden, geht es möglicherweise darum, dem Populismus den Weg zu bereiten, bis wir den hohen Wert der Demokratie für uns nicht mehr erkennen können, ihm misstrauen? Oder ist alles purer Zufall?

Trump und Hollywood arbeiten jedenfalls Hand in Hand, dass wir das Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen verlieren: „Bei Wahlkampfveranstaltungen am Wochenende sagte er [Donald Trump] nun, Demokratie in den USA sei eine Illusion. Zudem rief er seine Anhänger erneut dazu auf, Wahllokale im Auge zu behalten.“

 

 

Normalität entsteht durch Wiederholung

Und waren sich gerade noch alle einig, dass die Aussagen Trumps verheerend sind, weil sie das Vertrauen ins Wahlsystem untergraben, sind jetzt schon die ersten republikanischen Stimmen zu hören, die Trumps Verschwörungstheorien befeuern, beispielsweise der ehemalige Sprecher des Repräsentantenhauses Newt Gingrich oder der ehemalige Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani: „Sie wollen von mir hören, dass ich daran glaube, die Wahlen in Philadelphia und Chicago werden fair ablaufen? Ich müsste ein Idiot sein, um das zu sagen.“

Normalität entsteht durch Wiederholung, indem etwas immer und immer wieder gesagt und verbreitet wird. Je öfter wir eine Botschaft hören, desto gewohnter erscheint sie uns, desto mehr subjektive Wahrheit erhält sie. Auch wenn wir wissen, dass das so nicht stimmt, dass die Realität komplexer ist, der Wirkung dieser realen und fiktional verstärkten Loops können wir uns kaum entziehen. Die Folgen dieses Zusammenspiels werden dann nach dem 8. November zu beobachten sein, und bald darauf in Hollywood-Filmen und US-Serien, dann ein weiteres Mal überhöht und zugespitzt.

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