gedisst!

Gerade ist bei dtv/Hanser das Buch ‚Was heißt hier Respekt‘ von Elke Reichart erschienen, für das ich einen Text beigetragen habe über ‚Respekt im HipHop‘.

Hier eine Passage, die es aufgrund der Länge nicht mehr ins Buch geschafft hat. Es geht darin ergänzend um ‚yo mama‘-Witze und die Probleme, die ein unreflektierter Kulturtransfer bisweilen mit sich bringt:

„ya mama got a glass eye with the fish in it“ (The Pharcyde – Ya Mama)

Die Rapper und Rapperinnen entwickelten ihren rhythmischen Sprachgesang nicht aus dem Nichts, sondern griffen auf einige afroamerikanische Sprachtraditionen zurück, auf Toasting, die Tradition des ‚Signifying Monkey‘ und auf ‚Playing the Dozens‘. Auf diese Weise kamen auch die so genannten ‚yo mama‘-Jokes, die Mütterwitze in die HipHop-Kultur. Die Mutter, wahlweise auch die Schwester des Gegners auf lustige, übertrieben-drastische Art und Weise zu beschimpfen, ist ein (männliches) afroamerikanisches Sprachspiel. Die Mutter ist die Projektionsfläche, das metaphorische Spielfeld, auf dem der Gegner besiegt werden soll, und besiegt heißt in dem Fall, dass dem anderen nichts mehr einfällt, zumindest keine Steigerung, die das Publikum erneut zum Lachen bringen könnte. Man kann das lustig oder moralisch verwerflich finden, wie man die Regeln beim Boxkampf, im Karate oder auf dem Fußballplatz gut finden oder missbilligen kann. Es ist das Spielfeld, die Regel, eine Übereinkunft, mit der sich alle einverstanden erklärt haben, die bei diesem Sprachspiel mitmachen – nur die Mütter und Schwestern nicht!

Eine ähnliche Tradition gibt es im Griechischen, im Türkischen und zu Teilen im arabischen Kulturkreis. In dieser Ausformung des Sprachspiels wird die Männlichkeit des Kontrahenten infrage gestellt. In immer neuen Vergleichen und Metaphern wird behauptet, dass der andere kein richtiger Mann sei (der penetriert), sondern jemand, der unterwürfig ist, sich penetrieren lässt, der letztlich homosexuell ist. Einen solchen Dialog hat Hermann Tertilt in seinem großartigen Buch ‚Turkish Power Boys – Ethnographie einer Jugendbande‘ aufgezeichnet:

–   Hallo Bär.

–   Dir soll der Geigenbogen reingehen.

–   Diese Sprichworte gibt es in Massen, dein dich fickender Cowboy.

–   Dem Cowboy habe ich Geld gegeben, und bin gekommen, um dich zu ficken.

– Über diese Sprichwörter sind wir hinaus. In deinem Arsch haben wir die Champagnerflasche platzen lassen.

In dieser Variante des lyrischen Wettstreits sind Mütter und Schwestern tabu! Dagegen ist der direkte, metaphorische Angriff auf die Männlichkeit des Kontrahenten wiederum in der afroamerikanischen Tradition tabu.

Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn diese beiden Traditionen auf einer Bühne aufeinander treffen. Und genau das passierte in der HipHop-Szene in Deutschland und machte sehr deutlich, dass sich die HipHop-Kultur nicht so einfach und schon gar nicht eins zu eins übernehmen lässt, dass eigene Spielregeln entwickelt werden müssen, dass eigene Grundlagen nötig sind, ein eigenes Verständnis von Respekt und Stolz. In den 1980er und frühern 90er Jahren ist es den Jugendlichen gelungen, ein solches Gemeinschaftsgefühl über alle Kulturgrenzen hinweg zu etablieren. Doch mit den Erfolgen von Kool Savas und der Berliner BattleRap-Szene Anfang der 2000er Jahre wird diese gemeinsame Grundlage wieder grundsätzlich in Frage gestellt.

Wer weiter lesen möchte, im dtv-Magazin geht es um die aktuellen Entwicklungen und Debatten um Gangsta-Rap in Deutschland.

Die aktuellen Entwicklungen in Europa um Asylrecht, Flüchtlinge, Wirtschaftskrise und rechte Gewalt machen Respekt zu einem zentralen Zukunftsthema. Wie gehen wir miteinander um in diesen Zeiten?

Deshalb interessieren mich jetzt natürlich Eure Erfahrungen mit dem Kulturtransfer HipHop, Eure Gedanken zum Thema Respekt in der Gesellschaft, im HipHop. Ich freue mich auf ermutigende Geschichten über ein respektvolles Miteinander.

 

Tagged on:                             

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*