Vaterland und Muttersprache

von Almut Schnerring und Sascha Verlan

Unsere „Lange Nacht mit jungen Migranten“ gibt es beim Deutschlandfunk als Podcast bzw. zum online Nachhören: *Link*

In der Sendung kommen vor allem junge Deutsche nichtdeutscher Abstammung zu Wort, die hier geboren sind. Wären sie in Frankreich oder in den USA geboren, wären sie automatisch Bürger dieser Länder: In Deutschland bleiben sie Fremde. Was bedeutet es für sie, von den Medien ein Bild vorgehalten zu bekommen, das sie als Verlierer, als bildungsresistent und integrationsunwillig zeigt? Wie könnte eine eigene Identität aussehen? Ein gleichberechtigtes Zusammenleben im gemeinsamen Land?

„Ich habe während meiner Studienzeit viel auf Messen gearbeitet, als Hostess. Oder habe da eben Promotion gemacht und im Service gearbeitet. Da habe ich viele Leute kennengelernt. Die meisten Menschen haben nie gedacht, dass ich eine Türkin bin, obwohl ich eigentlich schon sehr orientalisch aussehe, würde ich … also, ich würde mich eher so einordnen.“

Müjde Karaca ist Fotografin und Grafikerin und ist in Bamberg aufgewachsen. Für ihr Buchprojekt „Reize“ hat sie Frauen unterschiedlicher Herkunft und Religion fotografiert, einmal mit Vollverschleierung, sodass nur die Augen zu erkennen sind, dann mit Kopftuch und schließlich ganz ohne Verschleierung:

(c) Müjde Karaca, aus ihrem Buch "Zinat - Reize".

(c) Müjde Karaca, aus ihrem Buch „Zinat – Reize“.

Auszug aus dem Manuskript:

Mein Freund Kutlu ist in Köln geboren und aufgewachsen. Seit bald 40 Jahren lebt er hier. Er ist so viel mehr Rheinländer als ich es je sein könnte. Aber er sieht aus wie ein Türke, was ihn zum Migranten macht. Dabei bin ich es doch, der ins Rheinland zugezogen ist, ich bin der Exilant, der auch nach 20 Jahren immer noch fassungslos das rheinische Wesen und seine Bräuche betrachtet, nicht nur an Karneval. Die Rheinländer sind eben so. Und die Schwaben ganz anders. Und mein Freund Kutlu? Wenn er jetzt nach Stuttgart zöge? Was macht ihn dort zum Fremden? Sein rheinländisches Wesen oder Herkunft seiner Eltern?

„Zum Beispiel in Essen waren wir auf einem Festival. Und da sind Bands aufgetreten. Und dann kamen wir, sollten wir. Und jetzt wird es multikulturell: Jetzt kommt ein Türke, ein Italiener und so auf die Bühne. Und ich so, warum sagst du denn das? Sag‘, jetzt kommt Mikrofone Mafia, eine Band aus Köln, fertig. Nee, da mussten erst mal die ganzen Nationalitäten, die in unserer Band sind …“

Wenn heute einer auf die Bühne geht und ins Mikro schreit, dass Nazis scheiße sind, dann kommt der Applaus ganz automatisch. Rassismus ist scheiße, damit kann man bis weit in den rechten Rand der CSU hinein punkten. Weil es abstrakt ist. Weil offener Rassismus ja dem Ansehen Deutschlands in der Welt schadet und damit dem wirtschaftlichen Wohlstand. Jawohl! Aber das ist viel zu abstrakt und wird nichts bewirken. Gegen Rassismus, was heißt das schon? Nicht NPD wählen? Klasse Leistung. Durchaus und ohne Angst vor Taschendieben beim Italiener essen gehen, oder wie? Oder ohne jedes Zusammenzucken die neue Freundin des Sohnes kennenlernen – ihre Familie lebt im Senegal.

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Eine Sendung mit

– Kutlu Yurtseven aus Köln

– Feridun Zaimoglu aus Kiel

– Meral al Mer aus Berlin

– Murat Güngör aus Frankfurt

– Kofi Yakpo aus Nijmwegen

– Treyer aus Wiesbaden

– Ade Bantu aus Lagos, Nigeria

Saad Thamir aus Köln

– Adriana Kocjian aus Essen

– Ferda Ataman aus Berlin

– Kaveh Rostamkhani aus Hannover

– Yasemin + Fitore aus Hannover

– Siddhartha + Denis, aus Augsburg

– Seyhan + Kristina aus Augsburg

– Müjde Karaca aus Karlsruhe

– Volkan Eric aus Ratingen

– Seif + Helin aus Bonn

Musik von Saad Thamir.

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